Mim | 22. Januar 2010 | 02:01
Bernhard Schlink:

»Der Vorleser«

»Der Vorleser«

Genre: Drama & Trauriges, Liebe & Beziehungen, Politik & Gesellschaft
Orginaltitel: #ger
Seitenzahl: 207 (Paperback)
Erscheinungsjahr: 1995
Mims Bewertung: 4*

Als der fünfzehnjährige Michael Berg unter Gelbsucht erkrankt ist, bricht in einem Hauseingang zusammen, wo er von einer Frau aufgelesen wird. Nach der ersten, zufälligen Begegnung folgen weitere – und schnell entwickelt sich eine Affäre zwischen dem Schüler und der Frau, die mehr als zwanzig Jahre älter ist als er. Zu der Routine, die sich zwischen ihnen einbürgert, gehört es auch, dass Michael ihr regelmäßig vorliest. Sie, Hanna Schmitz, ist verschlossen und rätselhaft, während Michael im Alltag durch seine ungewöhnliche Liebesbeziehung zwar selbstbewusster wird, aber auch oft eine Kluft zu den Gleichaltrigen verspürt. Irgendwann geht ihr Verhältnis zu Bruch, als Michael sein kleines Geheimnis und seine anderen Freundschaften nicht mehr vereinbaren kann. Jahre später sieht er Hanna jedoch wieder – und zwar im Gerichtssaal…

Was mir an diesem Roman besonders positiv aufgefallen ist, ist die Authentizität. Obwohl die Sprache oft poetisch und ausschmückend ist, wirken Gedanken, Dialoge und Reaktionen einfach echt und man kann sich vorstellen, wie es genau so passiert. Das fand ich faszinierend, denn das ist eigentlich nur bei sehr wenigen Romanen der Fall, auch wenn sie eine viel leichtere, alltäglichere Thematik behandeln. Darum ist dieser Roman zwar “literarisch” geschrieben und beinhaltet die entsprechenden Kunstformen, hat aber nicht das Gekünstelte, was mich bei gehobener Literatur oft so stört, und es gab dementsprechend auch nur wenige anstrengende Stellen.

Zuerst geht in diesem Buch nur um eine Affäre, deren Schwierigkeiten sich durch den Altersunterschied und das damit verbundene Tabu auszeichnen, aber, wie man später erfährt, auch dadurch, dass Hanna mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat. Auf der anderen Seite wird das Thema Holocaust aufgegriffen, es wird versucht, sich mit einem Täter auseinanderzusetzen, und Schlink lässt ansatzweise hinter die Fassade einer Frau blicken, die Unverzeihliches getan hat. Insgesamt ein interessantes, gut geschriebenes Werk.

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