Mim & Andy | 16. Februar 2010 | 20:02
Italo Calvino:

»Wenn ein Reisender in einer Winternacht«

»Wenn ein Reisender in einer Winternacht«

Genre: Gedichte & Kurzgeschichten, Klassiker, Liebe & Beziehungen
Orginaltitel: “Se una notta d’inverno un viaggatore” #ita
Seitenzahl: 313 (Paperback)
Erscheinungsjahr:1979
Mims Bewertung: 2*
Andys Bewertung: 5*
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Ein Leser beginnt, ein Buch zu lesen – doch irgendwie schleicht sich da durch einen Druckfehler eine ganz andere Geschichte hinein, die ihn viel mehr fasziniert. Als er sich das andere Buch besorgt, wiederholt sich das Problem. Zusammen mit einer Leserin namens Ludmilla, die er im Büchergeschäft kennen lernt, macht er sich auf die Suche nach dem Ursprung der Geschichten, gerät aber in ein immer größeres Verwirrspiel, infolge dessen er letztendlich zehn Romananfänge zusammenträgt…

Na gut, ich habe es irgendwie erwartet: mit Literatur kann ich nach wie vor wenig anfangen, also sage ich gleich schon einmal, es ist vielleicht meine Schuld. Zuerst die positiven Dinge: angefangen hat der Roman großartig. Man wird durch die ungewöhnliche “du”-Anrede sofort in eine Geschichte gesogen, fühlt sich angesprochen, und dadurch ließ sich die Hauptstory zumindest anfangs sehr gut und flüssig lesen. Bis zu dem Stilbruch, als die Leserin auch noch mit dem “du” angesprochen wurde, hat mir dieses Stilmittel auch wirklich gut gefallen. Allerdings haben mich die Geschichtenanfänge fast ohne Ausnahme einfach nur gelangweilt. Anstatt in eine dynamische Story einzuleiten und gleich Lust auf mehr zu machen, wie es unbedingt hätte sein müssen, bestanden sie meist nur aus philosophischem Geschwafel, bis dann eventuell einmal (vielleicht bei der Hälfte) zumindest irgendetwas passierte. Zuerst habe ich mich immer nur darauf gefreut, zum Haupthandlungsstrang zurück zu kommen, doch auch der wurde dann, wie ich finde, etwas verwirrend und holprig und es war nicht mehr wirklich ein roter Faden in Sicht. Ich habe mich gegen Ende leider wieder einmal nur durchgequält.

»Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär« »Atonement«


  1. Andy — Donnerstag, 18.Februar 2010 — 12:25

    Da sieht man mal wieder wie unterschiedlich unsere Geschmäcker sind. Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist eines meiner Lieblingsbücher, wie man ja auch meinem Steckbrief entnehmen kann.
    Das “philosophische Geschwafel” (harte Worte!) und die Anspielungen in den zehn Romananfängen auf andere herausragende Autoren erfordern, zugegebenermaßen enorme Vorkenntnisse, die ich auch nicht immer vorweisen konnte. Aber wenn man als Leser schon mit “du” und Imperativen angesprochen wird, dann ist es zum “Informier dich!” nicht mehr weit. Denn auch wenn einem von Anfang an die Rolle des Lesers zugeschrieben wird, muss man diese transzendieren, um das Buch genießen zu können. Der passive Leser muss zum aktiven Mit-Autor werden.
    Klar ist es frustrierend, wenn der Romananfang an der spannendsten Stelle abbricht oder die “Haupthandlung” ständig unterbrochen wird, doch das ist ja gerade ein Aspekt gutgeschriebener Literatur, dass sie absichtlich bestimmte Gefühle hervorrufen kann. Und wennglech die Intention des Autors eine mehr als problematische Kategorie ist, so kann doch mit Sicherheit behauptet werden, dass Calvino kein Dilettant in Sachen Form und Inhalt war.
    Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern steht hier das Lesen im Zentrum. Es bildet den roten Faden. Doch gerne zu lesen reicht in diesem Fall als Anforderung an Leser nicht, man muss sich intensiv mit Literatur befassen wollen und bereit sein, die Dekonstruktion des Gewohnten und Gewöhnlichen mitzuerleben. Wenn ein Lesender in einer Winter- oder Sommernacht das schafft, dann muss es sicherlich ein großartiges Buch sein.

    [Wenn ich nur mehr Zeit und einen weniger vollen Schrank ungelesener Bücher hätte, würde ich Calvinos Metaroman nochmal lesen und eine ausführlichere Rezension schreiben. Ein Thema voller Wenns]

  2. Mim — Sonntag, 21.Februar 2010 — 00:25

    Aber es war eben genau das Ding, dass ich NICHT frustriert war, dass es an der spannendsten Stelle aufhört – das hätte ich ja gern gehabt, dann hätte ich die Strategie durchaus genial gefunden – für mich ist es gar nicht erst spannend geworden. Du widerspricht dir aber selber ein bisschen damit, dass das Lesen im Zentrum steht – wie auch im Roman immer wieder erwähnt wird, “einfach nur lesen” – und gleichzeitig sollte man sich aktiv informieren müssen, um in den vollen Genuss kommen zu können?
    (Finds andererseits auch selber ein bisschen frustrierend, dass es immer die etwas gehobenere Literatur ist, bei der mir beim Lesen die Augen zuklappen – vielleicht bin ich ja auch einfach zu blöd für solche Bücher. :/ Ich versuchs weiter, vielleicht finde ich doch noch was.)

  3. Andy — Sonntag, 28.Februar 2010 — 17:59

    Ich hatte befürchtet, dass das Wort „Lesen“ in „steht hier das Lesen im Zentrum“ anders verstanden wird, als ich es meinte. Hab sogar ein Weilchen über die Wortwahl nachgedacht, aber anscheinend falsch entschieden. „Literatur“ wollte ich stattdessen aber auch nicht schreiben, da das dann gleich nach Hochliteratur klingt und es wird ja, wenn ich mich recht erinnere, auch auf „billige“ Agentenromane angespielt. Der Begriff „Bücher“ ist andererseits wohl zu sehr auf die Materialität beschränkt… Die Wortwahl fällt mir wahrlich nicht leicht.

    Die meisten potentiellen Leser sind wohl, wie du sagst, „zu blöd“, um alles daran zu verstehen. Da schließe ich mich nicht aus. Jedenfalls würde ich dann davon abraten, Arno Schmidt zu lesen, da es von ihm heißt, dass manche Anspielungen nur für einen kleinen Kreis von Menschen geschrieben ist und nicht mal Kenner, die sich darauf spezialisiert haben, verstehen alles.

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