Andy | 28. February 2010 | 18:02
Antonia S. Byatt:

»Possession«



Genre: Briefe, Gedichte & Kurzgeschichten, Historisches, Klassiker, Liebe & Beziehungen
Orginaltitel: #uk
Seitenzahl: 555
Erscheinungsjahr: 1990
Andys Bewertung: 4*
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Roland Michell gehört zu der Sorte Akademiker, die ein trauriges Dasein führen. Er verdient mit seinem Assistentenjob nicht genug und muss von seiner Freundin Val ausgehalten werden. Die Beziehung der beiden ist angespannt, nicht zuletzt weil sie in einem Kellerapartment wohnen von dessen Decke Katzenurin tropft. Die Aussichten Rolands auf eine bessere Stelle als Dozent für englische Literatur sind schlecht, denn Professor Blackadders Empfehlungsschreiben stellen ihn eher langweilig dar. Als Mitarbeiter der „Ash Factory“, einer Forschungsgruppe unter der Leitung Blackadders, die sich mit dem viktorianischen Dichter Randolph Henry Ash befasst, verbringt Roland viel Zeit in Bibliotheken. Als er eines Tages in der London Library in Ashs persönlicher Ausgabe von Vicos Pricipi di una Scienza Nuova nach Randnotizen und Parallelen zu Ashs Werk sucht, stößt er auf zwei Zettel mit Briefentwürfen des Dichters. Darin wendet er sich an eine Frau, um mit ihr über das eigene und deren Schreiben zu diskutieren. Roland ahnt, dass er auf etwas Interessantes gestoßen ist und entwendet die Briefe kurzerhand. Er erzählt niemandem davon, aus Angst Blackadder oder der amerikanische Professor Cropper, der alles aufkauft, was nur im Entferntesten mit Ash zu tun hat, könnten ihm die Entdeckung wegnehmen. Als er herausfindet, dass die Adressatin der Briefe Christabel LaMotte ist, fährt er nach Lincoln, um mit der dortigen Spezialistin für diese Dichterin zu sprechen. Schließlich offenbart er ihr seinen Fund und die beiden begeben sich auf die Suche nach der Wahrheit über das Verhältnis von Ash und LaMotte. Dabei stoßen sie auf Informationen, die die Forschung zu beiden Dichtern revolutionieren könnte, doch auch andere sind hinter den Briefen her…

Wieder einmal handelt es sich um ein Buch, das Literaturwissenschaft mit Detektivarbeit und einer Art Schatzsuche nach einem Text verbindet. Hier geschieht das jedoch auf sehr komplexe und intellektuelle Weise, sodass auch nicht vor der Diskussion literaturtheoretischer Ansätze zurückgeschreckt wird. Allgemein werden hier die unterschiedlichsten Textsorten zu einem Roman verwoben, wobei mehrere Ebenen entstehen: die der Literaturwissenschaftler in den 80er Jahren, der Dichter Mitte des 19. Jahrhunderts und die ihrer literarischen Produkte. Die Handlung um Ash und LaMotte wird vor allem durch Tagebücher und ihre Briefe wiedergegeben, zum Teil auch durch einen Erzähler, was fast ein bisschen schade ist, weil dies nach Anwendung der anderen Erzählformen so banal und erzwungen wirkt. Andererseits erlaubt das dem Leser mehr zu erfahren als die Wissenschaftler und erinnert ihn daran, dass nicht alles durch Quellen belegbar ist. Genial ist jedoch wie die verschiedenen Ebenen durch buchstäblich hunderte kleiner Details verbunden sind. Namensspiele mit Ash (Name des Dichters, englisch für Esche und Asche, Nähe zu „Ask“, einer Figur der nordischen Mythologie, welche in einem Gedicht auftritt, usw.) oder die Verbindung von Maud und Christabel durch die Farbe grün sind dabei nur die offensichtlichsten Beispiele.
Auf Grund der unterschiedlichen Textsorten und -ebenen wird man immer wieder aus dem Automatismus des Lesens gerissen und dazu gezwungen seine Lesegewohnheiten ständig neu an den Text anzupassen. So zum Beispiel wenn ein alter Tagebucheintrag unvermittelt durch einen modernen Kommentar unterbrochen wird oder plötzlich ein Gedicht zitiert wird. Gerade die Gedichte sind auf Grund der archaischen Sprache vielleicht etwas unangenehm zu lesen und mir wurde gesagt, man könne sie sogar auslassen und die Geschichte trotzdem verstehen. Natürlich steht dabei außer Frage, dass dieses Vorgehen mit einem großen Substanzverlust verbunden wäre. Zu den besonders „langweiligen“ Passagen gehört ein Auszug aus Croppers Buch, doch gerade dadurch, dass dieser wenig aufregend geschrieben ist, wird erfolgreich erreicht, dass einem diese Figur, die sowieso schon am ehesten den Bösewicht darstellt, noch unsympathischer wird. Die wenigsten Leser werden alle erwähnten historischen Personen und Mythen kennen, doch es lohnt sich (und ist dank dem Internet auch weitaus einfacher als zur Entstehungszeit) sie nachzuschlagen, da Byatt die Handlung in einen weiten kulturellen und geschichtlichen Kontext einbettet, der einen enormen Gewinn darstellt. Allein schon der Titel illustriert die Komplexität des Romans: deutet possession auf den physischen Besitz der Manuskripte hin? Auf einen geistigen Besitz? Die Frau als Besitztum des Mannes? Jemanden Besitzen im Sinne von Sex? Eine Besessenheit dämonischer oder anderer Art?
Wen der Untertitel „A Romance“ abschreckt, weil er eine kitschige Liebesgeschichte erwartet, den kann ich zum Teil beruhigen. Natürlich verlieben sich die beiden Dichter, dies wird aber nicht klischeehaft dargestellt, denn vor allem LaMotte schreibt offen über ihre Zweifel, da sie als moderne Frau ihre Freiheit durch eine Liaison gefährdet sieht. Noch interessanter gestaltet sich das Verhältnis zwischen Roland und Maud, die nicht verdrängen, dass sie durch die viele gemeinsam verbrachte Zeit und die Reisen miteinander, von denen sie niemandem erzählen können, wie ein Liebespaar wirken. Sie sprechen das auch an, aber es wird deutlich, dass sie keine Leidenschaft für einander empfinden. Und doch passiert etwas zwischen ihnen. Problematische Beziehungen dieser Art sind teil der postmodernen Demontierung von universalen Sinnsystemen, wie die Liebe eines darstellt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der sich die Handlung streckenweise ein bisschen zieht, die Ausführung jedoch gelungen, wenn auch kompliziert ist. Possession ist ein Muss für alle, die sich ernsthaft mit englischer Literatur befassen. Andere können den Roman, mit Einschränkungen, auch genießen.

»Atonement« »Niemand ist eine Insel«


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