Genre: Drama & Trauriges, Historisches, Liebe & Beziehungen, Politik & Gesellschaft Orginaltitel:

Seitenzahl: 351
Erscheinungsjahr: 2001
Andys Bewertung:

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England 1935: Die 13-jährige Briony schreibt gerne kleine Geschichten und versucht sich zum ersten Mal an einem Theaterstück. Es soll zu Ehren ihres großen Bruders Leon, der gemeinsam mit einem Bekannten zum Abendessen in seinem Elternhaus geladen ist, aufgeführt werden. Dabei trifft es sich hervorragend, dass die Kinder ihrer Tante zu Besuch sind und so als Schauspieler eingesetzt werden können. Doch am Nachmittag beobachtet Briony etwas Seltsames von ihrem Fenster aus: ihr ältere Schwester, die Studentin Cecilia, die gerade noch mit Robbie, dem Sohn der Putzfrau, gesprochen hat, zieht sich vor diesem plötzlich bis auf die Unterwäsche aus und klettert in den Brunnen. Völlig durchnässt zieht sie sich nach einer Weile wieder an und geht ins Haus. Am Abend ertappt Briony die beiden beim Sex, ein Vorfall, der das Mädchen in ihrer Ansicht bestätigt, dass Robbie ein Wahnsinniger ist, vor dem sie ihre Schwester retten muss. Das gemeinsame Abendessen endet auf schockierende Weise, denn zuerst laufen die Cousins weg und dann wird auf der Suche nach ihnen, die Cousine Lola vergewaltigt. Briony hat den Täter gesehen und als sie allen erzählt, dass es Robbie war, wird dieser verhaftet. Cecilia glaubt den Beschuldigungen nicht und verspricht auf ihn zu warten. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, bietet sich ihm eine Chance als Infanterist seine Haftzeit zu verkürzen und zu seiner Liebe zurückzukehren. Dazu muss er aber erst aus einem Frankreich fliehen, dass der deutschen Belagerung nicht länger standhalten kann…
Obwohl ein großer Teil der Erzählung die Gedanken der Figuren wiedergibt, wird die Handlung dadurch kaum negativ beeinträchtigt. Im Gegenteil: in manchen Passagen kommt richtig Spannung auf. Darüberhinaus verfällt man leicht dem Sog der Geschichte, denn die Gedankengänge der Figuren hatte man entweder selbst schon einmal oder sie sind derart überzeugend dargestellt, dass man nicht anders kann, als sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die unterschiedlichen Perspektiven sind gekonnt eingesetzt, um ein komplexes Gesamtbild zu schaffen, das das vermeintlich seltsame Verhalten der Figuren erklärt und auf wunderbare Weise zeigt, wie undurchschaubar die Gedanken anderer Menschen sind. Dadurch dass der Leser oft schon durch die Sichtweise einer anderen Person einen Wissensvorsprung hat, entsteht mitunter Komik. Dennoch ist das Beschriebene in hohem Maße tragisch und bewegend dargestellt.
Der erste Teil des Buches erfüllt einen mit so großer Neugier, dass man am liebsten den zweiten Teil überspringen möchte, nur um zu den Figuren in England zurückzukehren. Was jedoch nicht heißen soll, dass die Kriegshandlung nicht ebenfalls ausgezeichnet dargestellt wäre. Anstatt große Heldentaten oder riesige Schlachten zu beschreiben, werden hier viel mehr die Absurditäten des Krieges vorgeführt. Robbie bahnt sich mit zwei weiteren den Weg durch das fremde Land, voller Tod und Zerstörung, die Gefahr ständig im Nacken. Heute scheint ganz vergessen, dass es eine Zeit gab, in der sich englische Streitkräfte verzweifelt vom Kontinent zurückziehen und mit einer Invasion ihrer eigenen Heimat durch die Deutschen rechnen mussten. Doch das Elend endet nicht am Ärmelkanal, denn auch die englischen Krankenhäuser (im dritten Teil) zeigen die Folgen des Krieges und das vielleicht sogar noch dramatischer. Die überraschendste Wendung bringt dann der vierte Teil, welcher manche Leser enttäuschen könnte. Ein wichtiger Handlungsstrang ist Brionys Verhältnis zur Wahrheit und die Entwicklung dessen. Denn obwohl sich alle vier Teile sehr unterscheiden, thematisieren sie, neben dem inhaltlichen roten Faden, der die drei Figuren Briony, Cecilia und Robbie verbindet, alle das Thema des Erzählens, sodass auch das postmoderne Prinzip der Metafiktionalität nicht zu kurz kommt.
Bei Atonement handelt es sich um eines der großartigen Bücher, die man zu puren Unterhaltung aber auch mit einem literarischen Auge lesen kann.










(2 Stimmen)