Genre: Klassiker, Liebe & Beziehungen, Politik & Gesellschaft, Theaterstücke Orginaltitel: “Samfundets Støtter”

Seitenzahl: 112
Erscheinungsjahr: 1877
Andys Bewertung:

Jetzt bei Amazon.de bestellen.
Wie weit darf man gehen, um eine Firma vor dem Konkurs zu retten? Welcher Preis ist zu hoch für die Wahrheit? Wer soll entscheiden wem geholfen wird und wem nicht? Warum lassen wir uns auf Spekulationen mit hohem Risiko ein? Henrik Ibsens Pillars of the Community ist in Zeiten der Finanzkrise wieder besonders aktuell.
Karsten Bernick leitet eine Reederei in einem norwegischen Küstenstädtchen. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg treibt ihn vor allem das Wohl der kleinen Ortsgemeinschaft an. Als nächstes Projekt soll eine Eisenbahnverbindung geschaffen werden, um den Wohlstand aller zu garantieren. Doch um dies durchzusetzen, braucht Bernick all seine Überzeugungskraft und ein tadelloses Image. Genau zu dieser Zeit kehren aber die zwei schwarzen Schafe der Familie aus Amerika zurück. Da ist einerseits Karstens Schwager, Jonas Tönnesen, der vor Jahren eine Affäre mit einer verheirateten Frau hatte und zudem ein große Geldsumme der Reederei mit sich nahm. Andererseits ist da noch dessen Halbschwester, Lona Hessel, die damals für Empörung sorgte, weil sie Karsten schlug, aus Enttäuschung darüber, dass er ihre Schwester ihr selbst vorgezogen hat. Nicht nur das Gerede über die beiden im Ort bedroht Karstens Pläne, denn bald stellt sich auch heraus, dass er es selbst war, der die Affäre hatte und sein Freund Jonas nur die Schuld auf sich genommen hat (Das für Ibsen typische Motiv einer alten Schuld)…
Mag die Personenkonstellation in der Zusammenfassung schon kompliziert klingen, im Stück selbst wird es noch um einiges verworrener. Die gegenseitigen Verwandtschafts-, Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen tragen aber vor allem die gelungene Handlung und führen zu spannenden Verwicklungen. Auch wenn es zu Ibsens Zeiten noch nicht so gewesen sein mag, wirken die Figuren heutzutage etwas klischeehaft: die alte Jungfer Martha, die die Liebe aufgegeben hat und sich ganz in den Dienst der Gemeinschaft stellt, oder der moralisierende Schulmeister, der schon fast Züge eines Geistlichen annimmt. Vielleicht wirken diese Figuren aber auch nur so altbekannt, weil solche Menschentypen, wenn auch hier in leicht übertriebener Form, einfach ewig sind.
Im Zentrum des Stücks stehen jedoch die moralischen Konflikte, wie sie in dieser Epoche typisch sind (vgl. Arthur Schnitzlers zwanzig Jahre später erschienenes Stück Professor Bernhardi). Es stehen sich Gesinnungsethik und Verantwortungsethik gegenüber, außerdem wird die Frage gestellt, ob man den Ruf und das Glück des einzelnen aufs Spiel setzen darf, wenn es der Gemeinschaft nützt. Es geht aber auch um die Rolle der Frau. Immer wieder wird ihr in Nebenbemerkungen die Rolle der „guten Seele am Herd“ angehängt, doch einige der weiblichen Figuren im Stück lassen sich nicht in Ketten legen, und wollen ihr Leben selbst bestimmen. In Pillars of the Community gibt es eigentlich keine wirklichen Helden, da alle Figuren nur Opfer des Schicksals zu sein scheinen und Reue für ihre Vergehen zeigen. Die überraschenden Wendungen sind gelungen, auch wenn ich mir persönlich ein anderes Ende gewünscht hätte.









