Genre: (Auto-)Biografisch, Historisches, Humor & Skurriles, Politik & Gesellschaft, Reisebericht Orginaltitel: “Travels with Charley: In Search of America”

Seitenzahl: 289
Erscheinungsjahr: 1962
Andys Bewertung:

Jetzt bei Amazon.de bestellen.
1960 bricht der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger John Steinbeck auf, um sein Heimatland kennenzulernen. Begleitet wird er dabei von seinem vornehmen, französischen Pudel Charley. In einem umgebauten Lastwagen, der nach Don Quijotes Pferd „Rosinante“ benannt ist, reisen die beiden einmal quer durch die Vereinigten Staaten: von New York nach Maine, über Minnesota an die Westküste nach Seattle und von Kalifornien durch die Südstaaten bis nach New Orleans und schließlich wieder Richtung Nordosten zurück nach New York. Dabei treffen die beiden nicht nur auf die verschiedensten Landschaftsformen, sondern auch auf Leute, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Immer wieder droht sich die Weiterfahrt zu verzögern: die Angst im Norden eingeschneit zu werden, Charleys gesundheitliche Probleme und Steinbecks alter Freund, der ihn bewegen will, in Kalifornien zu bleiben. Gerade dort, wo Steinbeck auch geboren ist, fällt ihm auf, wie sehr sich das Land in den Jahrzehnten zuvor verändert hat. Neben der zentralen Frage nach dem Neuen Amerika, bilden unter anderem auch der Sonderstatus von Texas und die Rassenprobleme, vor allem im Süden, wichtige Schwerpunkte.
Im Gegensatz zu meiner letzten Besprechung, der von Paul Watzlawicks Gebrauchsanweisung für Amerika spielt hier die mangelnde Aktualität definitiv eine Rolle. Das von Steinbeck beschriebene Amerika ist in vieler Hinsicht schon lange verloren und deshalb kann das Buch heute kaum noch als Reiseführer funktionieren. Die Erlebnisse sind Momentaufnahmen, das Buch ein Stück Zeitgeschichte. Dennoch sind viele seiner Zukunftsprognose zutreffend und manche Beobachtungen sind auch heute, fast fünfzig Jahre später, überraschenderweise genauso gültig. So zum Beispiel die Bemerkung, dass Essen oftmals zwar hygienisch verpackt und behandelt wird, jedoch kaum noch Geschmack aufweist. Steinbeck kritisiert auch Entwicklungen wie zunehmende Fettleibigkeit und den Verlust von Dialekten durch die Hochsprache in Radio und Fernsehen. Jedoch handelt es sich nicht um eine bloße Fortschrittskritik, denn der Autor weiß auch die Vorteile moderner Technik zu schätzen, zum Beispiel die Annehmlichkeiten, die ihm sein „Wohnmobil“ bietet. Neben den je nach Staat mehr oder minder gesprächigen Bewohnern und Reisenden, die er mit Kaffee oder Alkohol von seinen guten Absichten überzeugt, unterhält sich Steinbeck vor allem auch mit Charley. Er behandelt ihn dabei genauso wie einen Menschen, was, gemeinsam mit dem trockenen Humor, bei Lesern zum Schmunzeln führt. Auch wenn Steinbeck am Ende seiner Odyssee und seiner zahlreichen nahezu philosophischen und soziologischen Ausführungen keine definitive Antwort auf die Frage nach dem „Neuen Amerika“ findet, so ist es ihm doch gelungen ein interessantes Bild der Vereinigten Staaten zu zeichnen.










