Ale | 31. Juli 2009 | 23:07
Dan Simmons:

»Terror«

»Terror«

Genre: Historisches, Thriller & Krimis
Orginaltitel: “The Terror” #usa
Seitenzahl: 989 (inklusive Anhang; Hardcover)
Erscheinungsjahr: 2007
Ales Bewertung: 5*
Jetzt bei Amazon bestellen

Anno 1845 brechen die beiden Entdeckerschiffe Terror und Erebus zu einer gefährlichen Expedition auf. Ihr Ziel ist es, die berüchtigte Nord-West-Passage zu finden, den Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik nördlich von Amerika. Die Leitung der Expedition und Verantwortung für die 129-köpfige Crew übernimmt Sir John Franklin.
Wie erwartet frieren die beiden Schiffe im Winter 1845/46 im Packeis ein. Die Schiffe wurden speziell für die Expedition mit Verstärkungen an Heck und Seiten und sogar mit einer Dampfmaschine, einer der allerneuesten Erfindungen jener Zeit, ausgerüstet. Außerdem werden zum ersten Mal Lebensmittel in Konservendosen gelagert, was der Crew später aber zum Vergängnis werden würde. Als das Eis im Sommer wieder aufbricht, beschließt die Expeditionsleitung, weiter in den Süden zu segeln, um dort eine Wasserstraße in Richtung Westen zu suchen. Aber der Winter bricht früher ein als erwartet und wieder frieren sie im Eis ein, doch diesmal an einer ungünstigen Stelle, da von Norden das Packeis gewaltigen Druck auf die Schiffe ausübt. (Bei der ersten Überwinterung wurden sie durch eine Insel abgeschirmt.) Sehnsüchtig erwarten alle das Brechen des Eises im Sommer – das setzt aber ausgerechnet in jenem Sommer aus. Die Schiffe müssen ein weiteres Jahr dem Druck des Eises standhalten. Die Stimmung der Crew ist schlecht und es äußern sich einige Anzeichen der Meuterei.
Zusätzlich kommen andere Probleme auf: es stellt sich heraus, dass zwei Drittel der Nahrungsmittel verdorben sind und außerdem entstehen an beiden Schiffen irreparable Schäden. Gerade in dieser Krise lauert noch eine andere Gefahr auf die Männer: etwas tötet unachtsame Crewmitglieder und richtet sie grauenhaft zu. Den Offizieren ist klar, dass ein Beschluss gefällt werden muss. Dass John Franklin von der Bestie aus dem Eis getötet wird, macht das nicht einfacher. Schließlich einigen sich die Captains darauf, dass alle die Schiffe verlassen würden, um zu versuchen, sich am Landweg zu Zivilisation durchzuschlagen. Aber ob sie den Weg über das Packeis und die Gefahren meistern würden, ist allen unklar…

Da ich das Buch ursprünglich auf Englisch gelesen habe, stand auf jenem Cover ein Zitat von Stephen King: “I’m in awe of Dan Simmons”. Dem kann ich nur vollständig zustimmen! “Terror” verbindet ein Entdeckerabenteuer mit Fantasie (denn die Bestie aus dem Eis wird wohl doch kein Problem gewesen sein).  Wenn man sich vorstellt, dass das alles auf einer Basis aufgebaut ist,  die sich wirklich ähnlich zugetragen hat, ergibt das ein Buch, das so spannend, packend und schlichtweg lesenswert ist, wie ich schon seit langem keines mehr in der Hand gehalten habe.
Für den geschichtlichen Hintergrund hat es mir sehr geholfen, dass ich zuerst ein Sachbuch über die Suche nach der Nord-West-Passage gelesen habe, weil einem dann erst wirklich klar wird, dass die Schiffe Terror und Erebus tatsächlich zwei Jahre im Packeis eingefroren waren und dass die Männer über den Landweg der Kälte und dem Hungertod entkommen wollten. Vergeblich, wie man heute durch Nachforschung weiß: es wurden sowohl Skelette als auch andere Indizien gefunden, die den Verlauf des verzweifelten Fußwegs angeben. (Nebenbei: die beiden verlassenen Schiffe wurden jedoch niemals gefunden, da sie sich mit dem Packeis mitbewegten. Angeblich wurde aber ein Schiff von einer späteren Expedition als “Geisterschiff” gesehen.)

Dan Simmons beschreibt den Schiffsalltag und auch die Verzweiflung und die beinahe ausbrechende Meuterei so real, dass man sich die Stimmung der Crew der John-Franklin-Expedition lebhaft vorstellen kann.
Bei dieser Expedition ist eigentlich alles schief gegangen: die Jahre 1846/47/48 waren ausgerechnet eine der kältesten jenes Jahrhunderts, die Konserven waren vergiftet, weil bei der Verpackung gepfuscht wurde und dann haben sich die Kapitäne auch noch auf den falschen Weg geeinigt. Bei so viel Pech ist eigentlich klar, dass man daraus eine mitreißende Geschichte fabrizieren kann.
Den Hauch von Fantastischem durch das Monster, das zu allem Überfluss die Männer zusätzlich bedroht, ist genau die richtige Portion, damit auch jeder, den dieses Genre nicht interssiert, es akzeptieren kann.
Außerdem ist die Geschichte von verschiedenen Perspektiven geschrieben: mal als Tagebucheintrag des Schiffsarztes, der über den Ernst der gesundheitlichen Lage berichtet, mal als Logbucheintrag oder als Beobachtung aus der Sicht verschiedener Personen von unterschiedlichem Rang, also vom Kapitän bis zum einfachen Seemann.
Leider finde ich den Schluss des Buches ziemlich enttäuschend, weil sich die Crews in kleinere Gruppen auflösen, die jede ihrer eigenen Wege geht. Ein paar versuchen zu den Schiffen zurückzugelangen, andere geben auf und gehen ins Eis um würdevoll zu sterben, wieder andere geben die Hoffnung nicht auf, ein Inuitdorf mit freundlich gesinnten Einwohnern zu finden. Aber nach dieser Trennung weiß man nicht, ob manche überleben, oder besser gesagt: wie sie sterben, weil sehr ausschweifend über Captain Crozier berichtet wird, der von Inuit gefunden und aufgenommen wird. Es gibt relativ lange Passagen über die Mythen und die Religion der Inuit, die zwar manche interessieren könnte, die aber eigentlich nicht zum Buch passen.
Da sich die Franklin-Expedition ja tatsächlich so abgespielt hat, gibt es ziemlich viele ergänzende Bücher darüber. Ganz besonders empfehlen kann ich “Der Eisige Schlaf” von Owen Beattie, John Geiger und Uta Haas, worin über ein Forschungsprojekt berichtet wird, bei dem Wissenschaftler Gräber von verstorbenen Seemännern öffneten und diese auf Krankheiten und Mangelerscheinungen untersuchten, um mehr über das Schicksal der Crew herauszufinden, deren Verschwinden immer noch teilweise unklar ist.

Ich denke, man merkt, dass mich diese Expedition ganz besonders anspricht und ich rate allen, sich nicht von der Seitenzahl abschrecken zu lassen, denn “Terror” ist eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe und ich kann es nur weiterempfehlen.



»Die Chemie des Todes« »Das Parfum«


Bewerten
(0 Stimmen) Loading ... Loading ...
Kommentieren